Auf Leben und Tod

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Mein erster Termin mit dem Finanzredakteur der Tageszeitung "Eletherotypia" führt in ein Geisterhaus: Die Zeitung - vergleichbar mit dem österreichischen "Standard" - erscheint seit Wochen nicht mehr, die 800 Angestellten haben seit Monaten kein Gehalt bekommen. Ich wollte mit Moisis Litsis, Spezialist für Finanzmärkte, über die verrückten Anleihenmärkte fachsimpeln. Doch der Vater zweier Kinder hat andere Sorgen - er weiß nicht mehr, wie er im Supermarkt bezahlen soll. Wie lange reichen Ersparnisse eines durchschnittlichen Mittelklasse-Angestellten? Oft nicht mehr als ein paar Monate. Im Konferenzraum der Redaktion werden Lebensmittelspenden gesammelt.

Der wahre Notstand - auf Leben und Tod - findet im Gesundheitssystem statt. Vor dem größten Krankenhaus der Stadt treffe ich eine Gruppe von Ärzten. Sie haben keine Skalpelle, keinen Gips, keinen Mundschutz und viel zu wenig Personal. Wichtige Medikamente werden nicht mehr ausgegeben, Krebspatienten heimgeschickt. Wer eine Chemotherapie braucht, erklärt die Apothekerin gegenüber, muss das Geld in bar haben und Tage im Voraus bestellen - die Pharmafirmen liefern nur mehr nach Vorauszahlung, seit die griechischen Versicherungen Zahlungsschwierigkeiten haben. Die Entwicklungsorganisation "Medecins du Monde" öffnete ihre Praxis für Griechen, so viele waren aus dem Gesundheitssystem gefallen.

Neben der humanitären Krise steht in diesem Winter 2012 die Demokratie selbst auf dem Prüfstand. Auf dem Syntagma-Platz wird demonstriert: Das Parlament muss auf Anordnung der Geldgeber - also im Sinne von uns Gläubigern - ein neuerliches Sparpaket beschließen. Diskussionen sind nicht vorgesehen - das musste der sozialdemokratische Premier Georgios Papandreou schmerzlich feststellen, als er im Herbst 2011 ein Referendum über die Sparpolitik ansetzen wollte: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zitierte ihn zum G20-Gipfel nach Cannes - und wenige Tage später war Papandreou weg. Sein Nachfolger Loukas Papadimos war nicht gewählt und hatte auch nicht vor, sich Wahlen zu stellen - er sah seine Aufgabe darin, die Sparpolitik durchzuziehen. An diesem Sonntag im Februar heißt das: Mindestlöhne und Pensionen kürzen, sonst wird das nächste Rettungspaket nicht freigegeben.

Papadopoulos beugt sich. Der Mindestlohn wird auf 582 Euro gekürzt (etwa 420 Euro netto), die Pensionen werden beschnitten. 40 Abgeordnete der Regierungsparteien weigern sich, mitzustimmen. Sie alle werden am nächsten Tag aus ihren Parteien ausgeschlossen. An diesem Abend brennt Athen: 100.000 demonstrieren gegen das neuerliche Sparpaket, im Zentrum werden 40 Häuser angezündet. Die Innenstadt versinkt in einer Wolke aus Tränengas.

Ich beginne zu verstehen, warum Hedgefonds-Manager sich nicht in Suppenküchen, Kliniken und auf Demonstrationen herumtreiben. Den Preis für die schöne Rendite meiner kleinen Anleihe so vor Augen zu haben, ist nicht gerade erfreulich. Eine ältere Frau auf dem Syntagma-Platz bringt die Stimmung auf den Punkt: "Bitte, hört endlich auf, uns zu retten. Wir können nicht mehr."

Haare lassen

Mit dem Sparpaket ist der Weg zur neuerlichen Rettung allerdings frei. Die Finanzmärkte atmen auf - nur meine Griechenland-Anleihe sackt weiter ab. Der Kurs ist jetzt nur bei bei knapp über 30 Prozent, und selbst das ist überbewertet, glaubt man den großen Finanzinstitutionen: Die Allianz etwa hat ihre Griechenland Anleihen in ihrer Bilanz 2011 mit unter 25 Prozent bewertet und den Rest abgeschrieben. Alles wartet auf den Schuldenschnitt für private Gläubiger: 206 Milliarden schuldet ihnen Griechenland. Der Haircut wird zur Bedingung für die Auszahlung der 130 Milliarden Rettungsgeld. Und die Zeit drängt: Meine 1000 Euro (inklusive der 1000-prozentigen Rendite) sind mit weiteren 15 Milliarden am 20. März fällig.

Anfang März hat die Regierung die großen Gläubiger überzeugt. Über 75 Prozent sind beim Haircut freiwillig dabei. Bleiben die Hedgefonds - und ich. Darf Griechenland jene, die nicht freiwillig mitmachen, zum Schuldenschnitt zwingen? Die Frage liegt bis zuletzt in der Luft. Den 12. März 2012 verbringe ich in Anlegerforen und den Tickern von Finanz-Medien.

Am Abend meldet die griechische Regierung Vollzug: Der Schuldenschnitt ist durch. Wer nicht freiwillig mitmacht, wird gezwungen. Weg sind meine 1000 Prozent Rendite. Kalt enteignet. Die Heuschrecken schäumen und bereiten Klagen vor. Ich bin insgeheim froh, dass mein Experiment nicht darin endet, dass die griechischen Pensionskürzungen auf meinem Konto landen.

Und wie viel Geld habe ich Mini-Heuschrecke nun beim Schuldenschnitt verloren? Die Antwort auf meinem nächsten Konto-Auszug zeigt: gar keines. Der Schuldenschnitt lag bei 53 Prozent - die Gläubiger erhielten beim Anleihentausch also 47 Prozent des ursprünglichen Wertes ihrer Anleihen. Gezahlt hatte ich nur 41 Prozent. Die großen Banken und Versicherungen hatten ihre Papiere gar nur mit 25 Prozent bewertet und den Verlust schon abgeschrieben.

Ich hatte also in acht Wochen etwa 15 Prozent Gewinn - eine schöne Heuschreckenrendite. Trotz Schuldenschnitt. Zwar haben einige der 24 Papiere, die ich im Zwangstausch für eines bekommen habe, Laufzeiten von zehn bis 30 Jahren - ich bekomme dafür aber auch Zinsen von bis zu drei Prozent.