Marko Feingold blieb in Salzburg, weil ihm der Weg nach Wien verwehrt wurde. - © Erika Mayer
Marko Feingold blieb in Salzburg, weil ihm der Weg nach Wien verwehrt wurde. - © Erika Mayer

Salzburg. Wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag empfängt Marko Feingold zum Interview. Es ist Vormittag, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde sitzt an seinem Schreibtisch in der Salzburger Synagoge. Nach einem zehnminütigen Prolog Feingolds über sein Buch "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh", seine Weigerung, bei Lesungen vorzulesen, und Feingolds Besuche von Vorstellungen des Kabarettisten Karl Farkas im Wien der Zwischenkriegszeit startet das Interview. Wie sich im Gespräch aufgrund von Feingolds Meldungspapieren herausstellte, fand das Interview auf den Tag genau 68 Jahre nach der Ankunft Feingolds aus dem Konzentrationslager Buchenwald in Salzburg statt.

"Wiener Zeitung": Herr Feingold, Sie sind Ehrenbürger der Stadt Salzburg und haben zahlreiche weitere Ehrungen von Stadt und Land Salzburg bekommen. Dabei sind Sie zufällig in Salzburg gelandet.

Marko Feingold: Das ist richtig. Das Wort Zufall kommt bei mir immer wieder vor. Ich möchte nicht von Wunder reden, denn sonst hält man mich für einen Heiligen - und das bin ich nicht, auch wenn ich eine religiöse Gemeinde zu vertreten habe. Ich erzähle Ihnen, wieso ich in Salzburg bin. Ich war im Konzentrationslager Buchenwald. Wir sind am 11. April 1945 befreit worden. 27 von 28 vertretenen Nationen sind damals von ihren Heimatländern geholt worden. Eine Nation ist geblieben, das waren wir Österreicher, der überwiegende Teil aus Wien. Mitte Mai waren wir die Einzigen, die noch da waren. Wir sind dann nach Weimar gegangen, haben uns Transportmittel besorgt und ein Transport mit 128 Österreichern ist auf den Weg nach Wien gegangen. Wir kamen bis zur Zonengrenze an der Enns. In Wien hatte sich schon die provisorische Regierung unter Karl Renner etabliert. Sie hat dort Befehl gegeben, uns nicht durchzulassen. Es hat geheißen, auf Befehl dürfen keine KZler, keine Juden und keine Vertriebenen zurück.

Denn insbesondere Renner hat sich hervorgetan, man müsse sich jetzt um die Wiener Bevölkerung kümmern, weil sie hat doch ihren Führer verloren. Und so entstanden dann die Freibriefe, die Persilscheine und alles Mögliche. Renner war vor dem Krieg der Erste, der mit fliegenden Fahnen zu den Deutschen übergelaufen ist. Was der sich geleistet hat ... Der Renner-Ring muss weg! Die Amerikaner haben uns dann jedenfalls zurück nach Buchenwald geschickt. Einige von uns sind schon in Enns geblieben, ein paar sind in Linz ausgestiegen, ein paar in Wels und in Attnang-Puchheim. In Salzburg, knapp vor der deutschen Grenze, habe ich gefragt, wer steigt mit mir aus? Fünf Leute sind mit mir ausgestiegen.

Warum sind Sie genau in Salzburg ausgestiegen?

Es war die letzte Möglichkeit vor der deutschen Grenze. Ich wollte nicht nach Deutschland. So war ich für einige Wochen Flüchtling im eigenen Land und wurde als solcher von den Amerikanern sogar für eine Auswanderung nach Amerika registriert.

Und warum sind Sie in Salzburg geblieben?

Jetzt kommen die Zufälle. In dem Haus, wo wir bleiben konnten, war von der Stadt ein Büro eingerichtet für durchziehende politisch Verfolgte. Wir bekamen mit den Flüchtlingen zu essen. Einige Tage später stand ich auf einem Sessel, dann wurde gesagt, der wird das Büro jetzt führen. Ich habe mich nicht durch Worte und Taten hervorgetan. Ich weiß selbst nicht, wie ich auf den Sessel gekommen bin. Mit zwei Mitbewohnern haben wir das Büro dann aber übernommen und geführt. Das war der Beginn meiner Zeit in Salzburg.

Im Lauf der Zeit brauchten die Amerikaner immer mehr von uns, weil wir die einzigen Österreicher waren, die sich in den hiesigen Verhältnissen auskannten.

Warum wollten Sie ursprünglich nach Wien zurückkehren?

Ich hatte keine Ahnung, wo meine Familienmitglieder waren. Von meinem Vater wusste ich, dass er verstorben war. Doch die anderen sucht man in Wien. Deshalb wollte ich unbedingt nach Wien. Was sich Renner geleistet hat: Wiener nicht nach Wien hinein zu lassen, das ist das impertinente. Ein Freund von mir in Salzburg hatte Frau und Kind in Wien und durfte nicht nach Wien. Diese Einzelschicksale sind das, was mich bis zum heutigen Tag empört. Wir haben in Salzburg einen sehr schlechten Landeshauptmann gehabt - Schausberger. Aber einen guten Historiker! Der packt jetzt alles aus, was den Renner betrifft. In Wien habe ich mir dann zumindest Kontaktadressen organisiert.

Aber es hätte nichts gegeben, was Sie nach Wien zurückgezogen hätte?

Nein, inzwischen habe ich entdeckt, dass es in Salzburg sehr schön zu leben ist. In meiner Jugend hätte ich nie denken können, in einer Provinzstadt zu leben. Ich war gewöhnt, am Abend auszugehen. Aber nach dem Krieg war ich etwas mäßiger und hier war ich gleich bekannt.

Salzburg hatte stets eine sehr kleine jüdische Gemeinde. Wie war nach dem Zweiten Weltkrieg in Salzburg die Stimmung den Juden gegenüber?

Sehr gehässig, bis zum heutigen Tag. Ich glaube, es ist nicht der Katholizismus daran schuld. Der Ex-Nationalsozialismus gondelt hier noch herum. Salzburg war ein Eldorado für gesuchte Nationalsozialisten. Viele kroatische Nationalsozialisten, die unter Tito nicht bleiben wollten, sind hauptsächlich nach Salzburg gekommen. Der Verband der Unabhängigen (Vorgängerpartei der FPÖ, Anm.) konnte nirgends anders gegründet werden als in Salzburg.